*"Re-" *

Depot, Speicher, Archiv, Museum, Lager -- Orte, an denen Materialien und
Erinnerungen traditionell abgelagert werden, sind längst nicht nur
Metaphern, sondern konkrete Formen zeitgenössischer Kunst geworden. Das
Atelier eines Künstlers kann dabei alle angeführten Rollen annehmen und
diese in seiner Funktion eines Produktionsortes substanziell verändern.

Wie die 1974 In Polen geborene Renata Kaminska mit der Wahl des Titels
für ihre erste Münchner Ausstellung verdeutlicht, geht es ihr um die
Aktivierung aller in diesen traditionellen Erinnerungsspeichern
deponierten Informationen. Am Beispiel ganz persönlicher Katalysatoren,
wie z.B. riesiger Hanfknäule vom Dachboden des elterlichen Ferienhauses
oder überschüssiger Exemplare älterer und neuerer Texte zu ihrem Werk,
exerziert sie vor, wie sich wesentliche Elemente der Grammatik
materieller Gedächtniskultur so weiter entwickeln lassen, dass zuvor in
Wort und Bild Abgelegtes wieder aktiviert und produktiv gewendet wird.

So ergänzen sich Re-Aktivieren und Re-Produzieren in den
expressionistisch anmutenden Faltungen des re-cycelten Stuttgarter
Kataloges über eine ihrer ersten großen Arbeiten auf das Beste. Die
Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Re-alitätsebenen verdeutlichen ihre
großen Zeitungscollagen, in denen sie die am selber Tag erschienenen
Wahlaufruf in der polnischen Zeitschrift ,Polityka' mit der ersten
Ausgabe der Zeitschrift zur kommenden Berlin-Biennale überklebt, in der
sie selbst ein künstlerisches Statement abgibt. Wichtige
Hintergrundinformation zu diesen Arbeiten vermittelt ein Video, das im
Dauerloop alle Räume zeigt, die bisher bei der Re-alisierung von
Arbeiten der Künstlerin wichtig waren.

Diese kontinuierliche Nabelschau mag einem zunächst etwas selbstgefällig
und eitel anmuten, tatsächlich weist sie ingeniös auf den Umstand hin,
dass Erinnerungen sich zwar an Dingen wie Prousts sprichwörtlichem
Madeleine entzünden, dass Texte und Bilder, die ersten und wichtigsten
Stützen des Gedächtnisses, Informationen aber nicht nur konservieren,
sondern unter Umständen auch ihren Tod bedeuten. Ein Umstand, den wir
alle schließlich kennen: wird zur Entlastung des Gedächtnisses
aufgeschriebenes doch gerne abgelegt und dann vergessen. Das zweite
Problem fixierter Erinnerung - ihre Inflexibilität -- löst sie dabei
fast nebenbei, indem sie einmal Gedrucktem, dessen Lebensdauer
lästigerweise durch sein Trägermedium bestimmt ist, eine neue Form gibt.
Wenn so leicht einstmals Wichtiges formal und inhaltlich transformiert
wird, ist offensichtlich, dass es hier nicht um Repräsentation, sondern
um Substanz geht.

Susanne Prinz